Literarisches Zürich

Rainer Bürgi-Näf

 

Kontakt

rainer.buergi@bluewin.ch 

 

Winter in Zürich - Zeit für ein Innehalten

Wenn der Winter Zürich im Griff hat, der Wind kalt durch die Altstadtgassen pfeift und ich meine Mütze tiefer ins Gesicht ziehen muss, dann ist auch mal eine Pause angesagt. Einen warmen Tee oder ein Café Melange zum Beispiel erwärmen meinen Körper. Also sitze ich in einem Kaffeehaus und habe sicher ein Buch dabei. Darüber gerate ich zuweilen ins Grübeln. Und es kommen mir alte Zeiten in den Sinn, und Menschen, mit denen ich vieles erleben durfte. Zum Beispiel mit meinem Vater. Öfters durfte ich Ihn begleiten an die Froschaugasse, wo er sich mit Theo und Amalie Pinkus traf. Die beiden haben intensive Gespräche geführt, ja zuweilen hitzige Wortgefechte ausgetragen. Ich - damals noch ein Grünschnabel - hörte verwundert zu. So erregt kannte ich meinen Vater nicht. Erst viel später wurde mir klar, was sich da abgespielt hatte: Mein Vater, ein überzeugter Liberaler und Theo Pinkus, ebenso fest in seiner Überzeugung als Kommunist und Sozialist, haben oft die Klingen gekreuzt, immer friedlich, immer geprägt von gegenseitiger Achtung und das Wichtigste: die beiden haben sich gemocht!


Deshalb hier einige Informationen zu Theo Pinkus:


1909 in Zürich geboren als Sohn einer aus Breslau zugewanderten jüdischen Familie. Er zog aus den politischen und literarischen Neigungen der Eltern erste Inspirationen zu seinem Berufswunsch, Buchhändler und Verleger zu werden. Als Verlagslehrling bei Ernst Rowohlt in Berlin und als Mitarbeiter des kommunistischen Propagandisten Willi Münzenberg erlebte er die letzten Jahre der Weimarer Republik in Berlin, das er 1933, wenige Wochen nach dem Reichtagsbrand, verlassen musste, nachdem ihm die Polizei bei einer Hausdurchsuchung den Pass abgenommen hatte.

 

1940 gründete Theo Pinkus an der Froschaugasse 17 einen Büchersuchdienst. 1948 kam die auf Sozialismus und Arbeiterbewegung spezialisierte Buchhandlung an der Predigergasse 7 hinzu, die für die Linke in Zürich während Jahrzehnten ein Begegnungsort war. Von 1948 bis 1987 gab er als linkes Diskussionsforum die Wochenzeitschrift „Zeitdienst“ heraus. Um den Dokumentenband „Schweizerische Arbeiterbewegung“ erscheinen zu lassen, übergab er 1974 seinen Limmat Verlag an die Autorengruppe.

 

Ihrem unverbrüchlichen Glauben an die Wirkung des geschriebenen Wortes bauten sich Theo und Amalie Pinkus mit der „Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung“, die sie in eine Stiftung überführten, ein Denkmal. Die 50’000 Titel umfassende Sammlung, das eigentliche Lebenswerk des legendären Zürcher Ehepaares, ging im Jahr 2000 zusammen mit der vorwiegend belletristischen Privatbibliothek und dem Nachlass Pinkus in die Zentralbibliothek Zürich.


Quelle: Zentralbibliothek Zürich: Virtuelle Ausstellungen (www.zb.uzh.ch)


Kommentar schreiben

Kommentare: 0