Literarisches Zürich

Rainer Bürgi-Näf

 

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Der Frühling ist da!

Die Temperaturen klettern langsam, die Sonnenstunden werden mehr und die Stadt erwacht zu neuem Leben. Jedes Jahr bereitet mir dies grosse Freude - denn die Saison für die literarischen Stadtrundgänge ist eröffnet - auch wenn dieses Jahr Mutige bereits im Januar mit mir auf einem literarischen Streifzug durch Zürich unterwegs waren.

 

Der Frühling ist natürlich auch bei den Literaten ein Thema. Georg Herwegh - er war im 19. Jahrhundert neben Heinrich Heine und Ferdinand Freiligrath der populärste deutschsprachige Dichter - floh 1839 von Stuttgart nach Zürich, da ihm die Zwangsrekrutierung drohte. Von ihm stammt das folgende Frühlingsgedicht - ganz in revolutionärem Ton. Und wenn ich es genauer bedenke - hat das Gedicht nicht auch heute noch seine Aktualität?

 

Noch ein Lied dem deutschen Bürger,

Noch ein echtes Maienlied!

Frühling sei es keinem Würger,

Der sein Volk zum Staube zieht;

Frühling jedem bis zum Tod,

Frühling nie für den Despot!

Selbst der Himmel, warm und rein,

Der des Freien Brust erweitert,

Eine Klippe, dran er scheitert,

Mög er jedem Wütrich sein.

Alle Blumen sollen flüstern:

»Seht ihr, seht ihr den Tyrann?

Bleib in deinem Reich, dem düstern,

In der Hölle, finstrer Mann!

Willst du noch des Weihrauchs mehr?

Unser Kelch ist für dich leer,

Fort! Du taugst nicht an das Licht!

Weiche ferne, du Verräter,

Du verstehst den freien Äther

Und die Frühlingsfreiheit nicht!«

Jede Biene dünk Tarantel,

Jeder Rose Purpurkleid

Ihm ein Karbonarimantel,

Drin ein Dolch für ihn bereit!

Jeglich Säuseln, das er hört,

Ihm sein Volk, das sich empört;

Keine Freude und kein Scherz,

Keine Wonne soll ihm blühen,

Und von keiner Sonne glühen

Je ihm sein sibirisch Herz!

Nächtlich mit Entsetzen dreh er

Sich im sternenlosen Nichts,

Und von allen Engeln seh er

Nur den Engel des Gerichts;

Jeder Schlag der Nachtigall

Kling ihm wie Posaunenschall,

Der ihn vor den Ew'gen ruft;

Und der Lerche jubelnd Schmettern,

Wie der Blitz von tausend Wettern

Treff es ihn aus blauer Luft.

Jeder Blütenbaum am Wege

Streu aufs Haupt ihm Silberschnee,

Einen eis'gen Panzer lege

Um sein Schiff ihm jeder See;

Wo er immer landen mag,

Flieh erschreckt der goldne Tag:

In der öden, kahlen Flur

Soll sich seine Seele spiegeln,

Ihm ein Buch mit tausend Siegeln

Sei im Lenze die Natur.

Ja, o Lenz, sei für die Dichter,

Für die Völker Lenz allein!

Für Tyrannen sollst du Richter,

Für Tyrannen Rächer sein.

Schreib auf jedes grüne Blatt:

Ich bin eurer herzlich satt,

Eurer schnöden Tyrannei!

Frei sind meiner Blumen Düfte,

Meine Wolken, meine Lüfte,

Auch die Menschen seien frei!

 

(Quelle: Gutenberg-spiegel.de)

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